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Eltern zeigen die Welt, Kinder testen sie
Der Umgang einer erwachsenen Bezugsperson mit dem Kind oder Jugendlichen sollte von Achtung, Respekt und möglichst auch von Liebe getragen sein. Was viele Erwachsene heute aber allzu häufig vergessen, ja verleugnen, ist die Tatsache, dass die Beziehung zum Kind niemals symmetrisch, also gleichberechtigt sein kann. Bezugspersonen, die Kinder permanent fragen, was sie tun wollen, ohne mit eigenen guten Vorschlägen und Vorstellungen auf den Plan zu treten, bringen sie in eine Situation, die sie völlig überfordert. Um es an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Was soll ein Kind bei einer Geburtstagsfeier anstellen, wenn der Vater oder die Mutter keine Spiele vorbereitet und auch sonst kein Programm entworfen hat und stattdessen das Kind ständig entscheiden muss, ob es nun dieses oder lieber jenes haben oder machen möchte? Jeder, der längere Zeit mit Kindern zu tun hatte, hat einmal erlebt, wie erlösend es für ein Kind ist, wenn ein Erwachsener ihm einen gut ausgedachten Plan vorschlägt, dem es sich anschließen und bei dessen Umsetzung es interessante, aufregende Erfahrungen machen kann. Um es zu verallgemeinern: Das Kind kann sich die Welt nicht allein erschließen, es kann vor allem keine Entscheidungen über Dinge treffen, die es noch gar nicht kennt.
Mit Kindern und Jugendlichen eine Beziehung zu gestalten heißt also auf Seiten der Eltern, gute Ideen, klare Vorstellungen und Vorschläge einzubringen und das Kind zunächst einmal zu veranlassen, diese auch auszuprobieren. Wichtig ist dann allerdings, mit ihm im Dialog darüber zu bleiben, wie es mit den Ideen und Angeboten der Eltern zurechtkommt. Einem Kind etwas aufzudrängen, das ihm zuwiderläuft, ist meistens unsinnig. Andererseits ist nicht jede vom Kind geäußerte Unlust ein Hinweis darauf, dass man als Eltern(teil) auf der falschen Fährte ist. Kinder und Jugendliche testen, ob sie mit Äußerungen des Unmuts ihre Eltern (oder andere Bezugspersonen) umstimmen und sich die unangenehmen Seiten des Lebens ersparen können. Lassen sich Eltern in einer Angelegenheit, die sie selbst für richtig halten, zu schnell verunsichern, schaden sie ihrem Kind und werden bald feststellen, dass es zunehmend den Respekt vor ihnen verliert und ihnen auf der Nase tanzt. Zu unterscheiden, wann ein Kind (oder Jugendlicher) nur die Autorität der Eltern auf die Probe stellt und wann es wirklich ein Problem hat, erfordert Einfühlung.
Eltern bzw. Bezugspersonen, die bei jeder kleinen Schwierigkeit, über die das Kind bei einem Vorhaben klagt, gleich zum Abbruch blasen und etwas Neues ins Spiel bringen, erweisen ihm einen Bärendienst. Auch Fokussierung und Durchhaltevermögen kann das Kind nur durch Anleitung, das heißt dadurch erlernen, dass Eltern zum Beispiel im Spiel mit ihm eine Zeit lang bei einer Sache bleiben. Die in jüngster Zeit zunehmenden Konzentrationsstörungen haben ihre Ursache unter anderem darin, dass Kinder zu wenig Hilfe erhalten, wenn sie lernen müssen, sich auf eine Sache einzulassen, und stattdessen fortwährend mit neuen, konkurrierenden Reizen und Angeboten konfrontiert werden, auf die sie dann mit ihrer Aufmerksamkeit überspringen. Ein Kind kann nur dann lernen, sich in etwas (zum Beispiel in ein Spiel oder eine Aufgabe) zu vertiefen, wenn seine erwachsenen Bezugspersonen, die es dabei begleiten und anleiten, selbst Schwerpunkte setzen. Dies erfordert die Fähigkeit, dem Kind — gerade weil man es liebt und fördern möchte — Grenzen zu setzen, es vor ständig neuen Reizen zu schützen, nicht allem auszusetzen, was Kindern heutzutage angeboten wird.
Dem Kind seinen individuellen Möglichkeiten entsprechende Angebote zu machen, bei denen es sich kreativ entfalten kann, das Kind darin zu bestärken, eine gewisse Zeit bei einer Sache zu bleiben, ihm über Schwierigkeiten bei seinem Tun hinwegzuhelfen und dafür zu loben, was es (im Spiel oder beim Lernen) zustande gebracht hat, aber auch Kritik zu üben, all dies können nur zugewandte, anwesende Bezugspersonen leisten. Sie sind durch nichts zu ersetzen. Dass sie dessen ungeachtet dennoch de facto zunehmend ersetzt werden, weil Eltern immer weniger zur Verfügung stehen (können) und Ersatzpersonen nicht vorhanden sind, gehört zu den katastrophalen Entwicklungen unserer Zeit."' Heranwachsende stundenlang dem Fernsehen oder Bildschirmspielen zu überlassen ist ein Begabungszerstörungsprogramm erster Klasse." Es lässt Kinder und Jugendliche nicht nur intellektuell, sondern auch hinsichtlich ihrer Kreativität und Emotionalität verkümmern. Zahlreiche neuere Studien belegen, dass der Umfang des Bildschirmkonsums von Kindern nicht nur im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihren schulischen Erfolgen steht'', sondern zugleich auch im direkt proportionalen Verhältnis zum Auftreten kindlicher Aufmerksamkeitsstörungen.
Auszug aus dem Buch "Lob der Schule" von Joachim Bauer