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NACHDENKEN ÜBER ZAPPELPHILIPP
DIE WELT NICHT MEHR »BEGREIFEN« KÖNNEN
Buchauszug: Eckhart Schiffer und Heidrund Schiffer
Die Möglichkeit für kreatives Oszillieren zwischen Phantasie und Realität ist auch in der Schule gegeben — sofern diese Realität barmherzig bleibt und nicht durch kultusministeriellen oder elterlichen Ehrgeiz schrecklich wird. Doch die Frage, wann die Realität »Schule« für ein — noch — gesundes Kind krank machend wird, soll uns hier im Augenblick nicht weiter beschäftigen. Unser Interesse gilt der Frage: Was macht unsere Kinder krank, bevor sie in die Schule kommen?
Nicht krank sein heißt hier, auf die Wirklichkeit zugehen und zwischen Phantasie und Wirklichkeit pendeln zu können. Das hat aber zur Voraussetzung, die Wirklichkeit als Wirklichkeit, als etwas Polares, außerhalb der Phantasie Liegendes, überhaupt erst wahrnehmen zu können. Es sieht so aus, als wäre das bereits 1982 nicht mehr so selbstverständlich wie Mitte der 60er-Jahre gewesen.
Hier kann eine Ursache für die Lernstörungen vermutet werden.
Ein Kind, das sich in seiner Phantasie mühelos, das heißt ohne körperliche Anstrengung, also gleichsam »widerstandslos« bewegt, erfährt eine ähnliche Mühelosigkeit im Umgang mit dem Spielzeugauto, das sich auf einen Knopfdruck hin in Bewegung setzt. Das Gleiche gilt auch für anderweitig technisch durchgestyltes Spielzeug: von der sprechenden Puppe mit »Komplettausstattung« bis zur blinkenden und jaulenden »fliegenden Untertasse«, für den durchmotorisierten Bagger oder Kran und die vollautomatisierte, ferngesteuerte Straßenwalze ... Denn dieses Kind muss nicht seine eigene Motorik bemühen, um »etwas in Bewegung zu setzen«. Die primärprozesshaft eingefärbte Kinderwagensituation —
Fortbewegung ohne Mühe, Erleben, aber passiv bleiben können — wird auch durch das Auto der Eltern ein garantierter Dauerzustand. Und dasselbe Kind, das sich ein »Tischlein deck dich« phantasiert, sieht, wie die Mutter aus der Tiefkühltruhe mit Hilfe des Mikrogrills ein vollständiges Menü zaubert. Nicht nur, dass das Kind kaum noch erlebt, wie und wo etwa Gemüse wächst, auch dass es dieses mit der Hand anfassen, vielleicht schälen und putzen kann, wird immer seltener.
Medien verändern die Wirklichkeit
Dass bereits Schulanfänger besonders am Wochenende als stille Teilhaber über Stunden am Fernsehkonsum der Eltern beteiligt sind, ist eher die Regel. Viele Kinder haben in diesem Alter auch schon einen eigenen Fernseher. Es ist beängstigend und faszinierend zugleich, zu beobachten, wie in einer selektiven Wahrnehmung der Wohnraum um den Fernseher herum verschwindet oder Letzterer die ganze Realität darstellt, die die Kinder fesselt. Realität? Wenn im Laufe eines Fernsehnachmittags Länder und Kontinente übersprungen werden, Gestern, Heute und Morgen gleichzeitig werden — und all dies mühelos, aber nicht anfassbar, begreifbar —, dann wird der Raum der Realität primärprozesshaft verändert.
Die Phantasie des Kindes begegnet nicht begreifbarer Realität, sondern anonymer Fremdphantasie, die die eigene Phantasie überwuchert. Die ursprüngliche Phantasie mit »Selbsteigenschaften« wird dabei zu einer fremdgestalteten Phantasie, die kraftlos an der Realität zusammenbricht, wenn das Programm zu Ende ist. Die drängelnde Sucht nach
dem Fernsehen weist auf das Surrogathafte dieser Befriedigung hin.
Es wird jedoch nicht nur der Fernsehkonsum allein sein, sondern die Vielzahl primärprozesshafter »Wunder-Erlebnisse« — bei gleichzeitiger Verminderung der Möglichkeiten, Realität zu begreifen — zählt, durch die unsere Kinder um die Entfaltung ihrer Kreativität und des Mutes, an die Wirklichkeit verändernd heranzugehen, betrogen werden. Die Unruhe, Langeweile oder auch Chaotik dieser Kinder ist ein beängstigendes Symptom für eine chronische Innenweltzerstörung durch solche Erlebnisse, bei denen, wie »durch ein Wunder«, alles von selbst geschieht.
Was unter psychohygienischen Gesichtspunkten von einer fernsehverkabelten Gesellschaft zu halten ist, die manche Politiker uns als das Mekka der Informations- und Meinungspluralität verkaufen wollen, versteht sich von selbst. Denn gehandelt wird hier mit Drogen, die über eine Minimaldosierung hinaus hochtoxisch sind. Minimaldosierung heißt, dass bis zu einem Alter von acht bis zehn Jahren durchschnittlich eine halbe Stunde Fernsehen täglich noch verträglich erscheint, eine »Höherdosierung« aber zunächst eine Einbettung des Gesehenen in die Realität erfordert, etwa in das Gespräch mit den Eltern über das Gesehene. Als Babysitterersatz oder Beruhigungspille für Kinder, die mit ihrem Bewegungsdrang die Ruhe einer lärmempfindlichen Sozialbauwohnung stören, ist der Fernseher völlig untauglich.
Ein Sturm auf die Technik im Kinderzimmer hilft indes nur wenig. Bemerkenswert erscheint uns jedoch die häufig gemachte Beobachtung, dass gerade die Kinder mit der größten psychomotorischen Unruhe etwa beim Töpfern sofort ein Höchstmaß an Konzentration und Kreativität realisieren können, das man ihnen vom sonstigen Schulalltag her nicht zugetraut hätte. Es sieht so aus, als ob bei einer solchen Tätigkeit nahezu idealtypisch das beschriebene Oszillieren zwischen Realität und Phantasie ermöglicht wird.
Entscheidend ist dabei wohl die Unmittelbarkeit des Fühlens, Begreifens und Veränderns, ein Faktum, das in die Überlegungen der klinischen Beschäftigungstherapie bei psychisch erkrankten Patienten schon seit langem Eingang gefunden hat.
Für die mitunter belächelten Aktivitäten der alternativen Szene — Wollspinnen, Weben, Gartenbau — sowie die Renaissance der Wertschätzung handwerklicher Berufe mag Gleiches gelten. Es wäre zu wünschen, dass das Wissen um die Gründe für den Mangel an Realitätserfahrung die erforderliche Verbreitung findet. Denn die Gefahr, in der Begegnung mit der Realität aufgrund der Innenweltzerstörung passivresignativ oder chaotisch zuschlagend zu dekompensieren, ist — wie die Umweltzerstörung — ein so weit reichendes Problem, dem mit klinisch-therapeutischen Methoden nicht mehr beizukommen ist. Angesprochen sind Elternhaus, Kindergarten und Schule, die gemeinsam verhindern sollten, dass unseren Kindern aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Interessen statt begreifbarer Realität süße, aber zerstörerische Surrogate vermittelt werden.